Unsere Reise
Im Jahr 2019 begannen wir, Sophia Stepf und Lisa Stepf, (Schwestern und freie Theater- und Musikschaffende) eine Recherche zum Thema Female Leadership für eine Theater-Performance. Die aktuellen Definitionen und Fortbildungsangebote, die wir unter dem Schlagwort online fanden, fühlten sich ernüchternd und nach Erhaltung des Status Quo an. So googelten wir Feminist Leadership und stießen auf We Are Feminist Leaders. Wir luden die beiden Gründerinnen zu einer Beratung in unseren Probenprozess ein. An diesem Tag veränderte sich nachhaltig etwas für uns. Nach unserer Premiere von Boss/y – ein feministischer Leaderabend lasen wir enthusiastisch die Schriften von Srilatha Batliwala über feministische Führung und nahmen an dem Online-Kurs von We Are Feminist Leaders teil.
Wir begannen das neu gewonnene Wissen in unsere Führungs-Praxis in den darstellenden Künsten und in der Leitung von freien Kompanien umzusetzen. Schnell wurde uns klar, dass wir diesen Weg mit anderen teilen wollten. Wir luden Kolleg*innen ein und bündelten unsere kreativen und erfahrungsorientierten Methoden aus den Bereichen Theater, Yoga, Betzafta (Demokratielernen), New Work und Diversity-Training. Wir wollen feministische Führung mit Geist, Körper und Herz erlebbar machen und unsere patriarchale Konditionierung verlernen.
Was ist feministische Führung?
Das Konzept von feministischer Führung ist eine Praxis, die die traditionellen Vorstellungen von Macht untergräbt. Sie zielt auf eine sozial gerechte Welt ab, in der weder Menschen noch natürliche Ressourcen ausgebeutet werden und die Gleichstellung der Geschlechter verwirklicht ist. Diese Prinzipien wurden in den siebziger Jahren in Grass-Roots-Bewegungen in Mehrheitsländern (früher Globaler Süden) und in Nordamerika entwickelt.
Sie gewinnen nun weltweit an Dynamik – angetrieben von der Dringlichkeit einer sozialen Transformation im Zeitalter von Kriegen, der Klimakrise und Pandemien. In der feministischen Führung gibt es keine Helden oder Genies. Stattdessen gibt es einen Fokus auf Führungs-Qualitäten, die in allen Menschen entwickelt werden können.
Feministische Führung in Kunst und Kultur
Die Künste sind seit jeher der Ort, der den Status quo der Gesellschaft kritisiert und an dem Utopien erdacht werden können. Aber entsprechen unsere Produktionsprozesse diesen Idealen? Die Kunstproduktion ist in hohem Maße geschmacksabhängig. Dieser Geschmack wird in Kunstuniversitäten geformt und später mit kuratorischer Macht umgesetzt, die an einzelne Personen übertragen wird. Die meisten Institutionen – Universitäten, Galerien, Theater, Museen – sind immer noch patriarchal organisiert. Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch sind im Kulturbetrieb weit verbreitet. Warum? Weil der Mythos des männlichen Genies, das im Alleingang große Kunst schafft immer noch sehr lebendig ist. Auch der Gender-Pay-Gap ist in diesen Bereichen oft überdurchschnittlich hoch – hängt doch die Bezahlung vom Geschmack einzelner mächtiger Personen ab, die in einem patriarchalen Kulturbetrieb erfolgreich geworden sind.
Feminist Leadership in the Arts befasst sich damit, wie Kunst gemacht und ausgewählt wird. Sie stellt alte Formen der Produktion und Kuration in Frage und führt Konzepte von Transparenz, Rechenschaftspflicht und kollektiver Entscheidungsfindung ein. Das Ziel ist, Menschen aller Geschlechter, Herkünfte und Fähigkeiten einzubeziehen – und sie fair zu bezahlen. Feminist Leadership in the Arts ist keine Formel, sondern ein Weg zu einem neuen Kunst- und Kulturbetrieb, in dem wir entsprechend unseren Werten und den Inhalten unserer Kunst auch unsere Prozesse gestalten. Wir und eine wachsende Community von Kolleg*innen eröffnen daher neue Lernräume für feministische Führung. Wir möchten dazu Menschen aus Kunst, Kultur und darüber hinaus einladen. Wir laden Menschen aller Geschlechtsidentitäten ein – auch Männer. Feministische Führung ist eine Praxis für alle.